Kinderparadies Bolivien

Einfluss der Kinderstadt Dessopolis reicht bis nach Bolivien

Helferin aus Dessau plante projekt in Südamerika

„Es kommt nicht darauf an, wer du bist, sondern wer du sein willst. Dieser Spruch trifft den Kern der Kinderstadt Dessopolis, so wie ich sie 2011 kennenlernte,“ das sagt Marie Alicke, die im vergangenen Jahr als Helferin in Dessau dabei war. „An sieben Tagen im August strömten täglich hunderte Kinder in ihre kleine Stadt, die sie mit Fantasie entworfen hatten und nun durch ihre tägliche Arbeit belebten. In verschiedensten Berufen waren die Kinder tätig. Je nach Laune schnupperten sie in Tätigkeiten hinein, produzierten Waren für den Verkauf oder initiierten ganz neue Unternehmungen, die das Stadtleben bereicherten. Unbeschreiblich viel Energie, Freude und Stolz waren bei den Bürgern von Dessopolis zu spüren. Diese positive Wirkung auf die Kinder hat mich fasziniert, und die Projektidee der Kinderstadt hat mich nicht losgelassen.“

Einen Monat nach ihrem Einsatz als Helferin in Dessopolis begann Marie Alicke ihren Internationalen Jugendfreiwilligendienst in Bolivien, über den die MZ bereits berichtete. Ihre Arbeit als Englischlehrerin an der „Unidad Educativa Alegría“, einer ländlichen Schule am Stadtrand von Sucre, bereitet ihr viel Freude. Doch täglich steht sie Herausforderungen gegenüber, die ihre Aufgabe erschweren.

Oft trauen sich Schüler nicht, vor der Klasse zu sprechen oder ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen. Sind sie dazu angehalten, sich selbst etwas auszudenken, warten sie meist auf eine Vorgabe. Bilder werden für gewöhnlich abgemalt und Texte von der Tafel abgeschrieben. Da ist es schwierig, den Unterricht kreativ zu gestalten. Marie Alicke wollte den Kindern ein Bewusstsein für ihre Fähigkeiten vermitteln, um ihnen Selbstvertrauen und Mut zu geben. Ein weiteres Problem ist die Perspektivlosigkeit der Schüler, denen scheinbar jeglicher Ehrgeiz fehlt. Viele von ihnen werden nach acht Jahren Schulpflicht die Berufe ihrer Eltern ergreifen. 80 Prozent der Mütter sind Hausfrauen, 40 Prozent der Väter Handwerker und 35 Prozent Landwirte. In Bolivien ist man doch oft, „wer man ist“ und nicht „wer man sein will“.

„Ich würde mir wünschen, dass alle Menschen die Freiheit haben, selbst über ihre Zukunft zu bestimmen und nicht, dass ihnen Armut, Geschlecht, Religion oder Rasse diese Entscheidung abnehmen. Gern würde ich meinen Schülern einen Blick über den Tellerrand ihres Dorfes hinaus eröffnen und ihnen all ihre Möglichkeiten und Fähigkeiten aufzeigen,“ so die engagierte Freiwillige. „Dann fiel mir plötzlich die Lösung ein. Wie kann man all dies besser vermitteln als mit einer Kinderstadt?“

Die ehemalige Helferin wandte sich an den punkt e.V., den Veranstalter der Kinderstadt Dessopolis. Der Verein griff die Idee, das Projekt nach Südamerika zu tragen, begeistert auf und sagte Unterstützung zu. Auch bei den Lehrern der bolivianischen Schule, den anderen Freiwilligen und der spanischen Hilfsorganisation „Cemse“ kam der Projektvorschlag gut an. Alle wollen bei der Umsetzung helfen.

Die bolivianische Kinderstadt fand an der „Unidad Educativa Alegría“ statt. Dessopolis diente dabei als Vorbild. Auch wenn mit bescheideneren Mittel kein ganz so umfangreiches Stadtleben umsetzbar war wie 2011 in Dessau, sollte das Projekt den Kindern dennoch Ziele geben, auf die sie motiviert hinarbeiten können. Sie haben aufgemalt, wie sie sich ihre Kinderstadt vorstellen. Viele von ihnen wollten unbedingt bei den Vorbereitungen mithelfen und freuten sich auf die Durchführung des Projekts im Juli 2012.

Maries Projektbericht beweist, dass man mit wenig viel erreichen kann.

Bericht zur Kinderstadt „Paraíso de Ninos“ in Sucre, Bolivien

Nach langen Monaten der Vorbereitung und 2 Wochen, in denen die Kinderstadt von den Lehrern nach hinten verschoben wurde, war es am Freitag, dem 10. und Samstag, dem 11.08.2012 so weit: die Kinder konnten ihre Stadt betreten. In Vorbereitung hatten meine Schüler und ich uns einige Male getroffen, den Namen der Stadt festgelegt, den Namen ihrer Währung festgelegt, die „Bolivianos de Oro“ (goldene Bolivianer) in 1-er-, 2-er- und 5-er-Scheinen gemalt und die Stationsschilder mit Pinsel und Wandfarbe beschriftet. In meinem bolivianischen Zuhause hatte ich dann den 10 cm hohen Stapel aus Papiergeld kopiert und schneiden lassen, Mitteilungskarten, Stationslisten, Bürgerausweise, Sparbücher und Helferhandbücher gedruckt und für die Gärtnerei Radieschen gesät. Leider werden wohl wenige der Pflänzchen je eine Frucht tragen, zumal die Alpakas im Garten einige von ihnen gekürzt hatten. Außerdem mussten Helfer angesprochen werden und auf ihre Aufgabe und die Idee der Kinderstadt vorbereitet werden. Auch sämtliches Material hatte ich teils mit der Hilfe meiner Mitbewohnerinnen gekauft und in die 45 min Autofahrt entfernte Schule befördert. Bis zur letzten Minute liefen die Vorbereitungen.

Am Abend vor der Durchführung musste dann die komplette Stadt aufgebaut werden, da es ja ein Schultag war und die Räume tagsüber für den Unterricht benötigt wurden. Als ich abends zur Schule fuhr, traf mich jedoch der erste Schock: es war niemand da. Nicht einmal der Portero (Hausmeister) mit den Schlüsseln. So stand ich verzweifelt vor den verschlossenen Räumen und es wurde dunkel. Zum Glück kam er bald darauf und zu zweit stellten wir alle Räume um, brachten die Schilder an, verteilten die Materialien auf die Stationen, machten alles hübsch für den folgenden Morgen und fuhren schließlich mit dem Motorrad wieder in die Stadt – ein großes Glück, denn der letzte Bus war schon abgefahren.

Dann war der große Tag! Um 4 Uhr klingelte für mich bereits der Wecker. In einem Auto mit offenem Kofferraum, vollgepackt mit den letzten Materialien, fuhr ich in die U.E.Alegría und bereitete alles vor. Mit den ersten Sonnenstrahlen kamen auch die Kinder, die anderen Freiwilligen und schließlich die Lehrer. Wir formatierten uns wie jeden Morgen und erklärten den Kindern, was wir nun machen würden. Und schon fiel der Startschuss!
Die 250 Kinder strömten in die 31 verschiedenen Berufsstationen ihrer Stadt, die da waren: Rathaus, Stadtreinigung, Schneiderei, Strickerei, Küche, Schreinerei, Malerei, Gärtnerei, Post, Schönheitssalon, Apotheke, Fotoladen, Stadtzeitung, Streitschlichtung, Akademie, Bank, Einwohnermeldeamt, Veranstaltungsservice, Kino, Krankenhaus, Schmuckwerkstatt, Fitnesscenter, Theater, Druckwerkstatt, Stadtinformation, Zahnarztpraxis, Stadtfernsehen, Handwaschstation, Flaschenrecycling und der Obststand.

Das Rathaus hatte zunächst die Funktion, die Bürgermeisterwahlen durchzuführen, die gegen 10.30 Uhr stattfanden. In Zusammenarbeit mit dem Veranstaltungsservice hatten wir eine gute Werbung dafür und ein Wahlplakat auf der Plaza (dem Marktplatz). Die Kandidaten wurden vorher von unserem verantwortlichen Helfer gesucht und die Minister ohne Wahlen bestimmt, da für jedes Amt ohnehin höchstens ein Kind Interesse hatte. Abgestimmt wurde mit roten Karten, die beim gewünschten Kandidaten hochgehalten werden mussten. Fast einstimmig gewann ein Mädchen aus der 8. Klasse. Leider sahen wir sie nach der Wahl nicht wieder und als wir sie aufspüren konnten, hatte sie nicht wirklich Lust, ihr Amt wahrzunehmen, ebenso wenig wie die Minister. Zu sehr waren sie damit beschäftigt, andere Berufsstationen zu erkunden, Geld zu verdienen und es auszugeben. Außerdem sind die Aufmerksamkeit und die Publicity, die in deutschen Kinderstädten wohl auch zur Begeisterung für den Bürgermeisterposten beitragen, hier eher hinderlich, da die Kinder Angst haben, laut zu reden. Nachdem wir es am Freitag also versucht hatten, gaben wir das Rathaus am nächsten Tag auf und überließen das „Paraíso de Ninos“ der Anarchie.

Die Stadtreinigung war leider nicht mit Helfern besetzt. Im Ganzen muss man sagen, dass ich von vielen Helfern im Stich gelassen wurde. Am Vortag erst war ich in der Kaserne und habe noch einmal alles mit dem Oberst abgesprochen und ihm das Spritgeld für den Transport der 40 Soldaten gegeben. Am nächsten Morgen warteten wir vergebens, riefen viermal an und immer hieß es: „In 10 min sind sie da!“. Doch keiner kam. Auch die 3 Medizinstudentinnen, mit denen ich mich mehrmals zur Absprache getroffen hatte, kamen erst 2 h später. Eine Lehrerin meldete sich am gleichen Morgen bei mir ab und der Helfer von der Hilfsorganisation „Cemse“ erschien, obwohl um 9 Uhr verabredet, auch erst um 11 Uhr. Mit 45 Helfern weniger als geplant, war es natürlich eine ziemliche Herausforderung, eine Kinderstadt zu meistern. In Anbetracht der Lage muss ich aber sagen, dass es überraschend gut funktioniert hat. Leider mussten aber einige Stationen geschlossen bleiben, wie die Stadtreinigung. Trotzdem fanden sich in dieser Station Kinder ein, die ohne Betreuung die Putzmaterialien ergriffen und sich an die Reinigung der Toiletten machten.

Eine Station, die besonders gut lief, war die Schneiderei. Hier stellten die Kinder z.B. Deckchen mit Spitze, kleine Täschchen oder unter Anweisung der Lehrerin sogar Unterwäsche her.

Die Strickerei fabrizierte auch kleine Taschen, Stirnbänder, Schals etc.

In der Küche halfen die Kinder den Küchenfrauen beim Kochen der Schulspeisung für alle 250 Kinder und bereiteten den Helfern ein Extra-Essen zu, bestehend aus Salat, Ei und Reis. Auch die Kinder konnten sich das Essen von ihrem Spielgeld kaufen. Zu Trinken gab es für alle Helfer Erfrischungsgetränke, die Kinder tranken wie gewöhnlich aus dem Wasserhahn der Schule.

Die Schreinerei war einer der beliebtesten Berufe im „Paraíso de Ninos“. Die Kinder nutzten das Baumaterial und schafften es, 14 kaputte Stühle der Schule zu reparieren. Danach bauten die Kinder kleine Schachteln und Bänke.

Auch die Malerei erfuhr einen großen Andrang. Ich hatte 18l weiße Wandfarbe gekauft, Malutensilien und Farbkonzentrate, die man der weißen Farbe beimischen konnte. Der Vorstehende der Dorfgemeinschaft hatte sich bereiterklärt, diese Station zu betreuen. Geplant war, Blumen und Schmetterlinge aus Handabdrücken an die Wand zu bringen. Damit kein komplettes gemaltes Chaos entsteht, hatte ich das Buch mit der Anleitung auf den Tisch gelegt und dem Helfer erklärt, was die Idee war. Als ich das erste Mal die Wand erblickte, sah ich die Kinder leider mit den Farbkonzentrat-Tuben an die Wand spritzen, jeder malte, was er wollte und auch bei der einen Fassade wurde es nicht belassen, sondern die Kunstwerke entfalteten sich noch um die Hausecke herum auf die Rückseite des Gebäudes und an die Nachbarwand. Auch wenn die Idee ursprünglich eine andere war, sieht die Wand ganz lustig aus und vor allem die Kinder sind sicher stolz auf ihre Malerei. Von den anderen Freiwilligen kam auch nur positives Feedback, die Lehrer malten z.T. selbst mit und auch die Soldaten verewigten sich später an der Wand.

In der Gärtnerei kümmerten sich die Kinder um zwei Grünflächen auf dem Schulhof. In einem Winkel befindet sich ein verdrecktes Stück Rasen, das die Kinder von Unkraut und Müll befreiten. Im Blumenbeet der Schule wurde ebenfalls Unkraut gejätet und drei Rosen wurden gepflanzt. Leider wurde eine der Rosen noch am selben Tag von einem der Hunde ausgegraben, die täglich über den Schulhof streunen. Die Radieschen in den abgeschnitten Flaschen, die ich gesät hatte, stehen nun mit auf dem Beet und sollen gegossen werden.

Die Post war leider auch nicht mit einem Helfer besetzt. Dennoch fanden sich ein paar Mädchen an der Station ein. Ich erklärte kurzerhand eine von ihnen zur Stationsverantwortlichen, erklärte die Arbeit und wies sie an, den Lohn von mir einschreiben zu lassen. Auch wenn die Mädchen tapfer die Stellung hielten, wurde der Service der Post nahezu gar nicht genutzt. Ich selbst schickte eine Karte ab, die auch erfolgreich ankam, doch die Kinder waren eher mit Sachen beschäftigt, die augenscheinlich interessanter wirkten als das papiergefüllte Postbüro.

Im Schönheitssalon bedurfte es der Soldaten als Türsteher, um sich vor dem enormen Andrang an Mädchen wie auch Jungen zu schützen. Es gab alles, was das Mädchenherz begehrte: Haarspangen, Haargummis, Spray, Gel, Haarwaschmittel mit Wasserschüsseln, Handtüchern und Föhn, Nagellack und für kleine Desaster auch Nagellackentferner, Schminke, Masken, Tattoos, Parfüm, Cremes, Proben… Die Jungs stylten sich vorm Spiegel oder ärgerten die Senoritas.

In der Apotheke wurden Sonnencreme, Pflaster, Zahnbürsten, Verbandsmaterial und auch andere kleine Medikamente gegen Spielgeld verkauft. Außerdem bestand die Möglichkeit, aus frischen Kamillenblüten und Cocablättern Tee gegen Erkältungen und andere leichte Beschwerden zu kochen. Dies wurde von der verantwortlichen Lehrerin jedoch nicht aufgegriffen.

Der Fotoladen funktionierte sehr gut, auch wenn Helfer hier dringend benötigt wurden. Nur ein Freiwilliger hatte die Verantwortung für alle angestellten Kinder und die 4 digitalen und die 2 Ein-Weg-Kameras. Die Kameras wurden an Gruppen von 2 Kindern verliehen, die damit herumzogen und das Stadtleben dokumentierten. Die Motivwahl ist sehr interessant, auch wenn es mit dem scharfen Ablichten noch Probleme gab und oft mal ein Finger im Bild war. Zum Glück kamen alle Digitalkameras heil zu ihren Besitzern zurück, trotz manches Sturzes, und nur eine Ein-Weg-Kamera verschwand. Dafür haben wir nun Bilder über Bilder – viele schöne Erinnerungen!

Die Stadtzeitung wurde von den Kindern eher gemieden. Auch mit noch so viel Motivationsreden hatte niemand Lust, das Erlebte oder irgendetwas auf Papier zu bringen. So entstanden leider nur wenige Texte und Zeichnungen. Am 2. Tag ersetzten wir die Zeitung durch das Stadtfernsehen, für das am 1. Tag die Helfer gefehlt hatten.

Die Akademie musste am Freitag aufgrund der geringen Helferzahl auch wegfallen. Dadurch waren alle Berufe ohne akademische Zertifikate zugänglich. Aus Gewohnheit lief es am Samstag dann so weiter, wodurch der Sinn der Akademie verloren ging. Dennoch kamen einige Kinder in die von uns vorbereiteten Kurse, die da waren: Mathematik, Sprache, Hygiene, Politik und Gesundheit.

Die Bank konnte leider nicht völlig einwandfrei funktionieren, da der verantwortliche Lehrer seine Aufgabe nicht ernst nahm. Er blieb nicht an seiner Station, sondern spazierte zu anderen Lehrerkollegen. Zu mir kamen dann die Kinder gerannt und fragten mich entsetzt, wo sie ihren Lohn abholen könnten, die Bank sei geschlossen. Als ich den Lehrer darauf hinwies, dass er doch stets an seiner Station bleiben und die angestellten Kinder einschreiben müsse, antwortete er mir, die Bank habe spezielle Öffnungszeiten und ein anderes Mal, dass er jetzt ein Geldautomat sei. Die Kinder kamen zu ihm, er drückte ihnen den Lohn in die Hand, den er in seiner Tasche bei sich trug und fertig. Darüber war ich sehr enttäuscht.

Die Lehrerin, die das Einwohnermeldeamt betreute, war ebenso wenig bemüht. Nie fand man sie an der Station vor, sie trug den Kindern keinen Lohn ein und bald arbeitete dort auch keiner mehr. Die Station fungierte dann als Ablagefläche für Dokumente, von der sich Kinder bei Verlust einfach ein neues Dokument wegnehmen konnten.

Der Veranstaltungsservice boomte! Betreut von einer Freiwilligen kamen hier viele tolle Ideen zustande, es wurden Plakate gemalt und zum Ende des „Paraíso de Ninos“ veranstalteten sie sogar die „Ersten Olympischen Spiele der Alegría“ mit Spielen wie Eierlauf und Sackhüpfen und als goldene Medaille gab es Lollies für die Gewinner.

Das Kino konnte erst Freitag um 11 Uhr in Benutzung genommen werden, da der Mitarbeiter von „Cemse“ den Beamer ja mit Verspätung lieferte. Dann wurde am Freitag ein bolivianischer Familienfilm gezeigt und am Samstag Ice Age, was für großen Andrang sorgte und den Kinosaal schnell überfüllte.

Das Krankenhaus wurde Freitag und Samstag erst mit Verspätung geöffnet. Pünktlichkeit spielt in Bolivien keine große Rolle, was für die Kinderstadt leider oft sehr hinderlich war. Dann haben die Studenten jedoch mit den Kindern „herumgedoktort“ in Kitteln, Handschuhen und Mundschutz. Die Studenten stellten fest, dass die Kinder viele kleine Wunden haben. Darum brachten sie am nächsten Tag Desinfektionsmittel und mehr Verbandsmaterial mit und versorgten mit den Kindern ihre Wunden.

Die Schmuckwerkstatt stellte Armbänder, Ketten und Ohrringe aus Perlen, Draht und Bändern her, aber auch Karten und Rahmen aus Moosgummi.

Im Fitnesscenter wurde gehüpft, gerannt und gerollt, mit Bällen gespielt und Übungen gemacht. Besonders nach Eintreffen der Soldaten hatten die Kinder viel Spaß mit den sportlichen jungen Männern.

Das Theater war leider nicht besetzt, da kreative Helfer fehlten. Trotzdem verirrten sich ein paar Kinder hierher und „machten Theater“ nach ihrem Geschmack.

Die Druckwerkstatt sollte sich planmäßig darum kümmern, die Fotos des Fotoladens zu drucken, aber auch Plakate herzustellen und Schreibarbeiten anzunehmen. Leider fehlte die Lehrerin dieser Station unentschuldigt.

Die Zahnarztpraxis wurde von zwei Zahnärzten aus dem benachbarten Gesundheitszentrum betreut. Diese gaben sich große Mühe, hatten Lehrplakate und Modelle sowie Arbeitskleidung für die Kinder dabei. Mit Zahnbürsten und Zahnpasta konnten hier die Zähne geputzt werden und anschließend wurde man von den Ärzten und fachkundigen Gehilfen untersucht.

Das Stadtfernsehen arbeitete wie gesagt nur am Samstag. Heraus kam eine kleine Reportage von unserem fleißigen Reporter Juan, der seinem Job dem ganzen Sonntag über treu blieb.

Die Handwaschstation wurde ebenfalls von einer Medizinstudentin geleitet. Die Kinder erfuhren hier, wie man sich die Hände richtig wäscht und konnten es mit Seife, Wasserbecken und Handtüchern ihren Kameraden beibringen.

Das Flaschenrecycling schnitt die Farbbehälter für die Malerei, bastelte kleine Körbe, kunstvolle luftdichte Vasen, kleine Schweine oder sogar ein Rennauto. In Bolivien gibt es keine Pfandflaschen, sodass die Bevölkerung sehr erfinderisch in der Weiterverwendung geworden ist und man die tollsten Sachen aus Plasteflaschen findet.

Am Obststand ließ wohl jeder Bürger des „Paraíso de Ninos“ eine Menge Bolivianos de Oro. Obstsalat aus Bananen, Äpfeln, Orangen und Papaya wurde hier hergestellt und mit Orangensaftpulver serviert. Lecker!

Am Freitag zählte unsere Kinderstadt 250 Bürger, leider aber nur 26 Helfer von geplanten 60. Am Samstag hingegen, als die Teilnahme freiwillig war und wir mit einem Fußballspiel der Jungen konkurrieren mussten, erschienen „nur“ ca. 100 Kinder. Doch ich denke, dass das trotzdem eine gute Zahl ist! An diesem Tag erreichten uns auch die Soldaten. Sie waren am Vortag und am Samstag wiederholt zu einer anderen Schule gefahren. Ich weiß nicht, wie so etwas passieren kann, da sie doch gemerkt haben müssen, dass sie dort niemand erwartet. Aber wenigstens halfen sie uns für die letzten Stunden der Kinderstadt. Es kamen auch nur 27 von den erbetenen 40 Soldaten. Das war allerdings nicht schlecht, da wir nun rund 50 Helfer für 100 Kinder hatten. Dieses Missverhältnis ist sehr ärgerlich! Am ersten Tag hatten wir viel Stress und am zweiten Tag war es sehr ruhig.

Außerdem hat es mich sehr traurig gemacht, dass vor allem die Lehrer sich sehr desinteressiert zeigten. Wie ich von dem Mitarbeiter der spanisch- bolivianischen Hilfsorganisation Cemse erfuhr, ist das aber generell so, dass sie sich bei Projekten und auch im Unterrichtsalltag nicht viel Mühe geben, sondern nur das Nötige machen. Was darüber hinausgeht und zusätzliches Engagement erfordert, was neu ist und nicht mit den von ihnen praktizierten Methoden übereinstimmt, wird abgelehnt. Ich verstehe sie insofern, denn sie arbeiten schon seit 30 Jahren in dieser Schule im „Dienst für ihr Vaterland“ und dann komme ich, als weißes Mädchen in ihr Land, bin noch jünger als ihre eigenen Kinder und versuche, ihre Schule zu verändern.
Trotzdem denke ich, dass das Kinderstadt-Projekt genau das Richtige war.
Der Mitarbeiter von Cemse war begeistert und er hat in seiner Position sicher eine gute Möglichkeit, von dem Projekt zu berichten oder Teilstücke daraus zu übernehmen oder es sogar selbst zu organisieren.
Auch die Ärzte vom Gesundheitszentrum der Villa Alegría wirkten sehr interessiert, ließen sich den Namen der Projektes noch einmal von mir aufschreiben und erklären und bedankten sich für die Einladung.
Das Feedback der Lehrer, besonders des Direktors, überraschte mich. Er meinte, dass es ein sehr schönes Projekt war, allerdings noch das Wissen über die Durchführung fehlte. Aber nun, wo sie wüssten, wie es funktioniert, würde es beim nächsten Mal sicher besser klappen. Mir fehlt dieser Optimismus, denn wahrscheinlich wird es in nächster Zeit keine zweite Kinderstadt geben. Meine Nachfolgefreiwillige, die die Stelle in der Schule übernimmt, kennt das Projekt nicht und das macht es natürlich sehr schwer für sie, es zu organisieren. Auch wenn sich die Lehrer bei der Durchführung des Projekts sehr zurückgehalten haben, denke ich, dass sie den guten Kern der Idee erkannt haben. Insgesamt blicken die Menschen in Bolivien ja immer sehr zu den Menschen der „westlichen Welt“ auf, haben sogar Minderwertigkeitsgefühle, halten alles für besser, was aus den USA oder Europa kommt. Von daher denke ich, dass es für sie interessant ist zu sehen, wie kreativ Erziehung und Bildung in Deutschland gestaltet werden. Leider fehlt ihnen die Kraft und Motivation. Wenn sie sich auch nie leidenschaftlich am Projekt beteiligt haben, habe ich es trotzdem nicht aufgegeben, denn wie schon Che Guevara sagte: „Es gibt nichts Überzeugenderes als das eigene Beispiel, um eine Idee auszudrücken oder zu verteidigen.“

Marie Alicke, Sucre, Bolivien