Was bitte ist Dessopolis?

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Dessopolis ist das einzige Kinderstadtprojekt in Dessau-Roßlau und fand 2007 zum ersten Mal statt. Von Anfang an war die Idee ein Erfolg – fast 800 Kinder besuchten im ersten Jahr an sieben Tagen die Stadt – und 2013 öffnet Dessopolis auf vielfachen Wunsch schon zum fünften Mal seine Tore.

Zielgruppe sind Kinder zwischen 7 und 14 Jahren aus dem gesamten Raum Dessau-Roßlau und darüber hinaus. Der Eintritt betrug einen Euro täglich inklusive aller Angebote, Mittagessen, Snacks und Getränke. Damit versteht sich die Kinderstadt vor allem auch als Ferienangebot für Kinder, die nicht in den Urlaub fahren können.

Die Stadt wird täglich von 10 - 17 Uhr geöffnet. Eltern haben nur im Rahmen einer Führung Zutritt bzw. am Tag der Offenen Tür.

Vorbereitung

Die Kinder sollten ihrer Stadt nicht erst während der Durchführung ihren Stempel aufdrücken. Darum laden wir auch 2013 wieder zufällig ausgewählte Kinder zu regelmäßig stattfindenden Vorbereitungstreffen in einen eigens angemieteten Laden im Dessauer Zentrum ein. Bei diesen Treffen entwerfen die Kinder die Werbeplakate und Einladungen, bestimmen, wie die diesjährige Dessopolis-Währung heißen, was es zu essen geben und wie das Stadtgesetz lauten sollte.

Ablauf

Wie muss man sich nun eine "Stadt im Kleinformat" vorstellen? Dessopolis hat alles, was jede andere Stadt auch hat. Da gibt es Läden, Dienstleister, jede Menge Ämter, ein Krankenhaus, eine Zeitung, einen Fernsehsender und so weiter.

Wenn die Kinder in der Stadt ankommen, erhalten sie am Einwohnermeldeamt zunächst einen Bürgerpass, der sie als Einwohner von Dessopolis ausweist, komplett mit Namen und einem Foto (das natürlich im stadteigenen Fotoladen gemacht wird). Die Kinder erhalten Begrüßungsgeld in der Dessopolis-Währung und haben nun die Qual der Wahl. Gehen sie zuerst in die Badeanstalt zum Schwimmen, kaufen sie sich etwas zu trinken, bummeln sie durchs Kaufhaus, oder legen sie das Geld auf der Bank an und gehen zum Arbeitsamt, um sich einen Job zu suchen?

Die Kinder entscheiden sich in den allermeisten Fällen für die letzte Variante, da sie nicht nur Spaß dabei haben, sich in den fast 50 Berufen der Stadt auszuprobieren, sondern natürlich auch ganz schnell merkten, dass nur derjenige, der arbeitet, Geld verdient.

Sämtliche Berufe werden von insgesamt 80 bis 100 ehrenamtlichen Helfern zwischen 16 und 60 Jahren betreut. Sie sind jedoch nicht etwa die Chefs, sondern zeigen den Kindern lediglich, was man für die einzelnen Berufe wissen muss, damit die kleinen Berufstätigen sich dann möglichst selbständig und kreativ entfalten können.

In der Bäckerei werden so bald eigene Rezepte ausprobiert. Der Stadtchor singt ausschließlich von seinen Mitgliedern ausgewählte Stücke, und den Mitarbeitern des Stadtplanungsbüros fällt beim Anfertigen eines Stadtplans auf, dass die Straßen noch gar keine Namen haben. Umgehend befragen sie die Bewohner, wie diese benannt werden sollen.

Einige Kinder machen sich mit besonders guten Ideen bzw. mit besonders viel Geschäftssinn selbständig, zum Beispiel als Massage-TherapeutInnen, StylistInnen oder mit einem eigenen Kaufhaus.

Bemerkenswert ist vor allem die Kooperation der Berufe untereinander. So geben die Stadtplaner bei den Malern die Straßenschilder in Auftrag, das Kindercafe wird von der Bäckerei mit Kuchen versorgt, und der Veranstaltungsservice bietet Hochzeits-Komplettpaket an, inklusive Ringen aus der Schmuckwerkstatt, einem Ständchen der Musiker und einem Hochzeitsalbum vom Fotoladen.

Und das alles nehmen die Kinder nach kurzer Zeit selbst in die Hand. Unermüdlich sieht man sie mit Briefen, Mitteilungen, Auftragszetteln und Lieferungen durch die Stadt laufen. Und wer nach getaner Arbeit noch Energie hat, der belegt an der Akademie Kurse, um ein Diplom oder einen Doktortitel zu erwerben bzw. nach einem eigenen Vortrag sogar Professor zu werden. Denn so verdient man automatisch mehr Geld. Weitere Freizeitmöglichkeiten sind das Kino, das Fitnesscenter, der Jahrmarkt oder Veranstaltungen wie das Bergfest und "Dessopolis sucht den Superstar". Selbstredend waren auch diese von den Kindern organisiert worden.

Abends holen die Kinder dann ihre Eltern im Elterngarten ab, wo diese bei Kaffee und Kuchen geduldig auf ihren Nachwuchs warten.

Auch Politik gehört zum Stadtleben in Dessopolis, und so finden Bürgermeister- und Stadtratswahlen statt. Zur Wahl stellen sich KandidatInnen, die mit Wahlplakaten und Versprechen wie Lohn- und Zinserhöhungen, Sauberkeit und mehr Ideenreichtum um Stimmen werben. Per Wahlzettel können die Kinder dann geheim abstimmen. Der Stadtrat kümmert sich anschließend um die Anliegen, Fragen und Beschwerden der Bürger.

Nicht ohne Stolz möchten wir an dieser Stelle bemerken, dass es mit den Kinderstädten Bärenhausen (Berndburg), Elberado (Magdeburg) und Pänzhausen (Käln) bereits drei Kinderstädte gibt, die direkt von Dessopolis inspiriert und beeinflusst wurden.

Natürlich ist die Planung und Durchführung eines solchen Großprojektes enorm aufwendig, vor allem, wenn man bedenkt, dass alle Beteiligten rein ehrenamtlich tätig sind. Aber dank der Mitglieder des punkt e.V., vieler unermüdlicher Helfer, zahlreicher unverzichtbarer Projektpartner sowie natürlich der öffentlichen Geldgeber, Spender und Sponsoren konnte Dessopolis bisher immer erfolgreich abgeschlossen werden. Gleiches erhoffen wir für 2013.

Ergebnisse

Erklärte Ziele des Projektes sind:

• als Form des Ausdrucks demokratischer Beteiligung Kindern der Altersgruppe gerecht Funktionen von Politik und Verwaltung nahezubringen
• gesellschaftliche Zusammenhänge erlernbar und erlebbar zu machen (z.B. Zusammenhang von Arbeit, Produktion, Lohn, Konsum, Freizeit, Kultur, Religion)
• Kindern Toleranz und Verständnis für andere zu vermitteln
• Kindern die Möglichkeit zu geben, eigene Potenziale zu erkennen, einzusetzen und zu stärken, um eine Festigung des Selbstbewusstseins und des sozialen Netzwerks zu erreichen
• Kindern die Möglichkeit zu geben, eigene Strategien zur Problemlösung und Schlichtung von Streitigkeiten zu entwickeln

Dank des pädagogischen Projektansatzes, der Kindern die fantastische Möglichkeit bietet, sich spielerisch-kindlich zu entfalten und gleichzeitig wie Erwachsene ernst genommen zu werden, werden all diese Ziele regelmäßig erreicht.

Durch ihre aktive und passive Teilnahme am Wahlkampf und später im Stadtrat lernen die Kinder, wie wichtig es ist, Botschaften klar formulieren zu können, (Wahl-)Versprechen zu halten und Verantwortung nicht nur für sich, sondern auch für andere zu übernehmen. Sie setzen sich mit konkreten Themen wie der Besteuerung von Unternehmen auseinander und erhalten so leichten Zugang zu sonst abstrakten Themen.

Durch die vielen verschiedenen Berufe, die die Kinder ausüben, lernen sie ganz praktisch neue Fähigkeiten, etwa Töpfern oder Unkraut jäten, aber auch den Zusammenhang von Arbeit und Lohn. Sie begreifen, wie wichtig und hilfreich es ist, mit anderen zusammenzuarbeiten. Aussehen, sozialer Hintergrund, Sprache und selbst körperliche und geistige Behinderungen spielen keine Rolle mehr. So wurde zum Beispiel einmal eine Gruppe von Kindern mit Asperger-Syndrom ohne viel Aufhebens sofort in den Arbeitsmarkt integriert. Der hohe Migrantenanteil unter den Kindern fiel ihnen selbst nicht auf.

Dadurch dass die Verrichtung einer Arbeit ihnen das Gefühl gibt, Verantwortung zu tragen und wichtig zu sein, bauen die Kinder Hemmungen ab, gewinnen Selbstbewusstsein, erkennen eigene Stärken und Talente und schließen Freundschaften untereinander und mit den Helfern.

Meistens geht es sehr friedlich zu, und wenn es doch einmal Probleme gibt, wissen die Kinder, dass sie sich nur an die Helfer in den grünen T-Shirts wenden müssen, um Konflikte gerecht und nach Anhörung aller Parteien zu schlichten. Gibt es tatsächlich einen Schuldigen, machten die Kinder selber Vorschläge zur Wiedergutmachung, wie zum Beispiel "5 Desso Geldstrafe" oder "eine Stunde umsonst saubermachen".

Reaktionen ...

... der Kinder

„Ich wollte unbedingt zum Betriebsarzt, und jetzt ist da kein Job mehr frei!“

„Ich arbeite heute ehrenamtlich für die Zeitung. Ich habe schon so viel Geld verdient.“

„Ideen sind der Grundbaustein für unser Dessopolis.“

"Was? Nächstes Jahr gibt es kein Dessopolis? Was soll ich denn dann in den Ferien machen?"

... der Eltern

"Einfach toll, was die Kinder so leisten. Alle sind ganz bei der Sache und wollen sich engagieren, um zum Gelingen "ihrer" Kinderstadt beizutragen."

"Es ist bedauerlich, dass wir die Kinderstadt erst am "letzten Tag" für unsere Kinder entdeckt haben. Ein Junge hat sogar nach einer Stunde Teilnahme geheiratet (flott, flott)."

"Es ist schon später Nachmittag, und mein Kind hat mich noch nicht angerufen, um abgeholt zu werden. Das will schon was heißen."

"Meine Tochter fieberte der Sommerzeit entgegen, um wieder dabei zu sein".

... der Betreuer

"Es war toll, neue Erfahrungen zu sammeln und neue Perspektiven kennenzulernen."

"Am schönsten fand ich, wenn die Kinder früh schon sehnsüchtig am Tor standen."

"Am besten gefiel mir das abendliche Beisammensitzen, und auch die Kinoabende waren klasse, weil die Betreuer super waren."

"Am schönsten waren die lachenden Gesichter von den Kindern. Die Aufgewecktheit und das Strahlen bei der Arbeit."

"Eigentlich fand ich alles schön. Ich habe mich riesig gefreut, mit welchem Engagement die Kinder dabei waren."

Fazit

Nach dem ersten Experiment 2007 und der gelungenen Wiederholung 2008 und 2009 hat sich Dessopolis 2011 schon fest etabliert. Wie fest, veranschaulicht unserer Meinung nach am besten dieser Leserbrief, der am 08.09.2009 in der Mitteldeutschen Zeitung erschien. Besser hätten wir es selbst nicht formulieren können:

Kinderstadt ist ein großartiger Höhepunkt im Stadtleben

Zu "Kinder stimmen erneut für Ula", MZ vom 31. Juli

Die Sommerferien können für Kinder recht lang werden, irgendwann fehlen dann auch Gleichaltrige und wir Eltern können diese Lücke nicht wirklich gut ausfüllen. So freuten wir uns, als unsere zehnjährige Tochter Lea in ihrer Galaxo-Zeitung den Hinweis entdeckte, dass jedes Schulkind in der Kinderstadt Dessopolis mitmachen könnte. Nach anfänglicher Bangigkeit und Ängstlichkeit bei Mutter und Tochter am Starttag, konnte ich jeden Nachmittag mein begeistertes Kind am "Grenzzaun" in Empfang nehmen und es gab soviel zu erzählen.

Meine Tochter war nicht jeden Tag in Dessopolis, aber an den Tagen ihrer Teilnahme konnte man sich über ihre Berichte nur freuen: es gab keine unangenehmen Zwischenfälle. Keine Aggression unter den Kindern, alle fanden einen Job, der sie gut ausfüllte, die Kinder haben sehr viel Selbständigkeit und Wissen über das Funktionieren gesellschaftlichen Zusammenlebens erfahren, es wurde gebastelt, gebacken, verkauft, Geld verdient, ausgegeben oder auf der Bank angespart, es wurde in diesem oder jenem Bereich auch mal gestreikt, eine Bürgermeisterin gewählt, die Bewohner von Dessopolis suchten ihren Superstar, man kann nur staunen, was da auf die Beine gestellt wurde. Hochzeitsfeierlichkeiten in der Kirche, Flitterwochen in der Badeanstalt (ein großer Pool), jeden Tag gab es eine Zeitung, selbst ein provisorisch eingerichtetes Kino erfreute die Kinder mit ausgewählten Kinderfilmen usw. Zu meiner Beruhigung konnte ich eine mobile Sanitätsstation entdecken - für eventuelle Wehwehchen.

Und überall junge fröhliche Menschen in grünen T-Shirts, das waren die Helfer und Betreuer: die Kinder waren bei diesen bestens aufgehoben. Ich habe nicht immer den Eindruck, in einem kinderfreundlichen Land zu leben - aber diese zehn Tage Dessopolis waren einfach ein Geschenk für uns alle! Danke all den vielen Organisatoren, ihr habt das so toll gemacht und so viele Kinderherzen beglückt. Diese Aktion ist für mich ein großartiger Höhepunkt im Dessauer Stadtleben. Ich hoffe, dass die Veranstalter auch in Zukunft jegliche Unterstützung bekommen, um solch einen Sommer für unsere Kinder organisieren zu können. Vorläufig wurden die finanziellen Mittel stark gestrichen, im nächsten Jahr gibt es kein Dessopolis - aber ich hoffe, dass diese Aktion bald weitergeführt werden kann! Danke an die Veranstalter, die Stadt, an alle Sponsoren, danke den vielen, vielen Helfern!

Christel Ortmann, Dessau

 

Der punkt e.V. dankt allen Helfern, Unterstützern, Projektpartner, Geldgebern und vor allem den Kindern für fantastische Kinderstädte in Dessau-Roßlau!